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Einführung: Komponierter Raum

Komponierter Raum – diese Bezeichnung markiert eigentlich die Überwindung einer feinen Grenzziehung. Wie kann man mit einem Medium, das so flüchtig ist, wie die Musik, etwas gestalten, das man gewöhnlich mit etwas Festgefügten, mit einer greifbaren plastischen Gestalt assoziiert. Die Musik erscheint durch ihren Ablauf in der Zeit charakterisiert und das trennte sie bislang von der Bildenden Kunst, der Plastik und der Architektur. Die Überschreitung der Grenze ist durchaus mit dem Schritt vergleichbar, der vom Tafelbild zum bewegten Bild, zum Film geführt hat: Eine Veränderung im Innern der musikalischen Sprache und eine einschneidende technische Entwicklung haben hier zusammengewirkt.

Die Klang- und Formästhetik der Klassik, die immer noch in breiten Schichten die Vorstellung von Musik prägt, war historisch betrachtet, nur eine vorübergehende Phase. Ihr Stützgerüst war die an der Dur-Moll-Tonalität geknüpfte Harmonik, die die symphonische wie die kammermusikalischen Formen dieser Zeit trug. Entzieht man der Musik dieses Tragwerk – und nichts anderes haben Komponisten wie Wagner, Brahms, Skrjabin, Schönberg, Webern und andere getan – dann müssen neue Ordnungen erfunden werden, die die Aufeinanderfolge der Töne wie die Zusammenklänge organisieren.

Die Zwölftontechnik war eine dieser neuen Methoden. Ein anderer Weg war, das Material der Musik (die Töne, generiert im temperierten System) zu erweitern und das Geräusch jeglicher Konvenienz mit ein zu beziehen. Dies schließt auch die Geräusche und Klänge mit ein, die nicht mit den herkömmlichen Instrumenten erzeugt werden, sondern auf elektroakustischem bzw. elektronischem Weg. Aber auch hier braucht man eine Idee, wie man aus Klangmaterial Form entstehen lassen kann. Komponisten orientierten sich dann oftmals an dem neuen Medium Film und seiner Technik der Montage. Oder imaginierten architektonische Formen – meist Kugelformen oder Sphären – , fanden Vorbilder in der Natur in Prismen, in Kristallen oder in den naturwissenschaftlichen Errungenschaften wie der Relativitätstheorie, der Thermodynamik oder Chaostheorie.

Das das altmodische Wort «Komposition» wurde durch den «Klangorganisation» ersetzt, in der dann Klangaggregate statt Akkorde, Klangobjekte statt viertaktige melodiös eingängige Themen gestaltet wurden. Doch in welchem Raum? Der Film hatte es vorgemacht, Raumwirkung wird durch Bewegung erzeugt. Dies und die Funktionsweise unseres Gehörs, das Klänge aus verschiedenen Richtungen orten kann, dass das Entfernungen akustisch in Lautstärkegraden misst usw. machte man sich zunutze, um Klangformationen durch das Orchester oder Orchestergruppen wandern zu lassen. Es stellte sich schnell heraus, das dies sowohl eine andere Aufstellung der Musiker erforderte, nämlich um das Publikum herum oder das Publikum in das Orchester hinein, aber auch andere Räume als die bisherigen Konzertsäle, die mit ihrer starren Aufteilung in Bühneraum und Zuschauerraum diese Raummusiken behinderten, wurden notwendig. Stockhausen ließ beispielsweise 1970 das Kugelauditorium bauen, Xenakis entwickelte mit der Architektur des Philipps-Pavillons 1957 den Prototyp der Polytopen, kongeniale Architekturen seiner multimedialen Spektakel.

Ebenso entscheidend für die Entwicklung von Komponierten Räumen oder Raummusiken war die Trennung des Tones von seiner Quelle, wie das die elektroakustische Aufnahme- und Wiedergabetechnik ermöglichte. Über ganze Lautsprecherorchester oder Lautsprechersysteme die Räume auskleiden, werden heute Klangbewegungen gesteuert und komponiert. Und auch das hat zu neuen Räumen wie Raumvorstellungen geführt. Die hier vorgestellten und im Netzwerk aufgeführten Werke zeigen das, kommen allerdings weitestgehend ohne verstärkende oder raumgenerierende Technik aus.

 

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